ROLF SCHÖNLAU
 

Kartellnovelle

 

An einem Mittwochvormittag der frühen 1960er Jahre fuhr ein Dutzend Limousinen im Minutentakt auf dem Parkplatz eines Gasthofs im Speckgürtel der Landeshauptstadt vor. Ohne zu warten, dass die Chauffeure den Wagenschlag öffneten, stiegen die Fahrgäste aus, allesamt ältere Herren, die beim zügigen Eintritt in den Gasthof wie zum Gruß einen Plexiglaskoffer schwenkten.

Die Eintretenden schienen die Lokalität zu kennen und steuerten geradewegs auf das Hinterzimmer zu, statt die als solche bezeichnete Gaststube zu betreten. Nach Ankunft der letzten Limousine erhob sich dort der einzige Gast von seinem Fensterplatz, nahm den Plexiglaskoffer vom Nebenstuhl, nickte dem Wirt stumm zu, woraufhin beide den Raum verließen – der Wirt, um die Eingangstür abzusperren; der Gast, um ins Hinterzimmer zu gehen.

Drinnen begrüßte man sich wie unter Freunden und setzte sich ohne Umschweife an den für sieben Personen eingedeckten runden Tisch, griff zu Schnittchen und Getränken, unterhielt sich über Tagesdinge, erkundigte sich nach dem Befinden der Gattin und scherzte über den Tisch hinweg. Auf den Ton eines Löffels, der leicht gegen ein Glas schlägt, schob man die Teller beiseite, setzte ein präzises Gesicht auf und richtete sich nach dem Sitzungsleiter aus, demselben Herrn, der die Ankunftsszene überwacht hatte.

Statt mit einführenden Worten das Thema der Sitzung zu umreißen, ging er sofort in medias res. Man erörterte Strategien zum Umgang mit Journalisten und Medienvertretern, entwickelte Verhaltensrichtlinien und erarbeitete Sprachregelungen für den Fall, dass man sich gegen öffentliche Anschuldigungen zu Wehr setzen müsse.

Am Ende der Diskussion resümierte der Sitzungsleiter zur allgemeinen Erheiterung, es gehöre wohl zu den vertrackteren Aufgaben der Journaille, unabhängige Mitglieder ausmachen zu müssen, die ihre Interessen mit- und zugleich gegeneinander aushandelten. Wer in Gänsefüßchen von zufällig gleichgerichtetem Verhalten spreche und Schreckgespenster von Zusammenschlüssen angeblicher Mitglieder, die sich gar nicht kennen würden, an die Wand male –

Der habe seinen Beruf verfehlt und solle lieber Romane schreiben, ergänzte ein Teilnehmer, woraufhin alle auflachten und zu dem jovialen Ton vom Beginn der Sitzung zurückkehrten. Ohne noch einmal das Wort zu ergreifen, verabschiedete sich der Sitzungsleiter von jedem Einzelnen mit Handschlag, nahm seinen Koffer und hielt ihn vor Verlassen des Hinterzimmers zum Gruß hoch. Eine Geste, die sich kurze Zeit später vor dem Gasthof ein Dutzend Mal wiederholte, als die Teilnehmer im Minutentakt aus der Eingangstür traten, in die vorfahrenden Limousinen stiegen, die ohne Verzug vom Parkplatz rollten.

 

Ein halbes Jahrhundert später war der Gasthof, wenn auch in etlichen Details dem Zeitgeschmack angepasst, im Ganzen unverändert. Vorfahren konnte man nicht mehr, denn dort, wo einst die Chauffeure ihre Fahrgäste abgesetzt hatten, waren Sitzlandschaften aus Lounge-Möbeln aufgebaut. Als Parkplatz wäre die Fläche ohnehin zu klein gewesen, seit der Gasthof zum Business-Treff avanciert war. Darum fiel es nicht weiter auf, als dort, wieder an einem Mittwochvormittag, in rascher Folge ein Dutzend Geländelimousinen der Extraklasse eintrafen.

Die Plexiglaskoffer, mit denen die Ankömmlinge vor dem Eintritt in den Gasthof auch dieses Mal bedeutungsvoll hantierten, hätten selbst einem geschulten Beobachter entgehen können. Bei der Dame mit durchsichtigem Mantel im Retro-Schick der 1960er Jahre war der Koffer zum praktisch unsichtbaren Accessoire geworden. Vier Herren hatten ihre Erkennungszeichen in Notebooktaschen gesteckt, die sie kurz öffneten, wie um sich zu vergewissern, dass sie alles dabeihatten. Nur einer schwenkte seinen Koffer ungeniert, doch zogen verschiedene Gadgets, die er darin zur Schau trug, alle Aufmerksamkeit vom Behältnis ab.

Die Dame und die fünf Herren gingen zielstrebig ins Hinterzimmer, das genauso aussah wie vor 50 Jahren. Nur standen diesmal keine Wurst- und Käseschnittchen auf dem Tisch, sondern aufwendig dekorierte Canapés. Beim Smalltalk wurden die bekannten Themen angeschnitten. Der Umgangston war kultiviert, wenn auch vergleichsweise leger, denn die Teilnehmer waren so jung, dass sie die Koffer nicht direkt von ihrem Vorgängern erhalten haben konnten.

Der Sitzungsleiter, der traditionell als letzter erschien, musste sich nur verhalten räuspern, um die gesammelte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er verzichtete noch auf die kürzeste Vorrede und fasste, was er zu sagen hatte, in einem Satz zusammen: Sie sollten sich ab sofort Schweigekartell nennen.

Schweigekartell?

Man solle sich die Beschimpfungsformel zu eigen machen, sagte er in die verständnislosen Gesichter hinein. Einmal eingeführt, sorge sie dafür, dass in der öffentlichen Meinung das Beiwerk an die Stelle des eigentlichen Zwecks trete. Wie Raucherkabinett, fügte er hinzu, um dann kurz auszuführen, dass der Begriff das Bild einer harmlosen Versammlung rauchender Männer hervorgerufen habe.

Die Neuerung wurde beschlossen, mit der Vorgabe, sie als vertrauliche Mitteilung und Insiderwissen gezielt an die Öffentlichkeit zu lancieren. Wir werden es ihnen flüstern, sagte die Dame, stand auf, zückte den Plexiglaskoffer und verabschiedete sich mit Handschlag und Wangenkuss vom Sitzungsleiter. Ein kurzes Auflachen ging durch den Raum, bevor ihm die vier Herren in fester Reihenfolge ebenfalls verbindlich die Hand drückten, wortlos den Gasthof verließen, in ihre Geländelimousinen stiegen und vom Parkplatz fuhren.

 

In den späten 2050ern lag der Gasthof wie eine Zeitinsel zwischen zwei Car-Tubes und war nur über Zugangsschleusen zu erreichen, die den Mitgliedern des Sechs-plus-Eins-Kreises vorbehalten waren. Für alle anderen war der Gasthof eine historische Kulisse, wie es sie überall an den Tubes gab, um dem Vergangenheitssinn der Menschen zu genügen. Keiner wäre auf die Idee gekommen, in den Zugangsschleusen mehr als eine illusionistische Zutat zu sehen. Selbst wenn jemand an diesem Mittwochvormittag Zeuge geworden wäre, wie das Car vor ihm in die Schleuse glitt, hätte er es für den Kulissen-Wartungsdienst gehalten.

So hielten, ohne Aufsehen zu erregen, innerhalb weniger Minuten sechs Cars direkt vor dem Eingang des Gasthofs, setzten ihre Fahrgäste ab und verschwanden über ein Parklift-System von der Bildfläche. In ihren dunkelblauen Unisex-Ganzkörperanzügen mit den milchig gewordenen Plexiglaskoffern in der Hand wären die eintretenden drei Damen und drei Herren für einen Außenstehenden kaum voneinander zu unterscheiden gewesen.

Eine wie der andere ging schnurstracks ins Hinterzimmer, setzte sich an den runden Tisch, wieder eingedeckt für sieben Personen, griff zu Buffalowurm-Crackern oder Hopper-Burgern und tauschte ein paar unverbindliche Worte mit den Tischnachbarn. Als letzter kam der Sitzungsleiter, nahm ohne Umschweife Platz, schenkte sich vom himbeerfarbenen Grillen-Power-Smoothie ein, leerte das Glas und stellte es mit einer entschiedenen Geste ab, die als Zeichen für den Beginn der Sitzung verstanden wurde.

Man war unter sich. Alle blickten wissend in die Runde. Zum ersten Mal nur Menschetten, transaktionsfähige LookAlikes, die mit AAA-Befugnissen ausgestattet, für ihre Human Counterparts agierten. Die leitende Menschette ergriff das Wort.

Wir sind zusammengekommen, um – eine Pause, nicht zu lang – um in einer außergewöhnlichen Situation – wieder eine Pause, dann schnell – das Richtige zu tun. Außergewöhnlich, ja von historischer Bedeutung sei die Entscheidung, die hier heute getroffen werde. Einstimmig – der einzige Punkt in der ungeschriebenen Satzung des Sechs-plus-Eins-Kreises – einstimmig müsse sie sein.

Die Menschette scannte die Runde, empfing sechsmal die Signale vorbehaltloser Zustimmung, sandte selbst die entsprechende Botschaft aus und fand eine Formel, die von den Human Counterparts als Leitbild für die anstehende Hundertjahrfeier verstanden werden musste.

Vergangenes in Zukunft übernehmen!

Daraufhin erhoben sich die Menschetten, ergriffen die Plexiglaskoffer, hielten sie in Gesichtshöhe vor sich und beschworen im Chor, wobei ihr Einsatz so präzise erfolgte, dass es sich wie eine einzige Stimme anhörte: Wir übernehmen!

Pražská Kanalizace

 

Die Kanaldeckel mit dem Stadtwappen, blankgescheuert wie die basaltgepflasterten Straßen der Altstadt, auf denen die Autoreifen so unverwechselbar singen, dass man kaum umhinkann, den verzerrten Schatten an der Hauswand einer schwarzen Limousine zuzuschreiben, einem Ungetüm der Nachkriegszeit, dessen Lichtkegel beim Abbiegen die leicht ansteigende Straße bestreichen, wie um einen Punkt zu markieren, von wo aus das feuchtkalte Glimmen des Altstädter Rings den versprengten Spaziergänger aufsaugt, der hier wie jeden Abend auf dem Weg zur Astronomischen Uhr den Mantelkragen hochschlägt, als müsste er seine innere Person zusammenreißen, bevor links der weiße Salon kommt, der keinen Türsteher braucht, keinen Hinweis, dass hier nur Miitglieder willkommen sind, so abweisend ist das höllische Weiß, so unvorstellbar, den kreideweißen Teppich zu betreten.

Augen auf beim Wolkenkauf!

 

Aus naheliegenden Gründen warnen die meteorologischen Dienste vor dem schnellen Erwerb lieblos zusammengeschusterter Himmel. Gerade vor den Feiertagen bieten fliegende Händler Altocumuli (Schäfchenwolken) an, die sich bereits beim Aufziehen verflüchtigen. Darum ergeht die dringende Empfehlung, bei allen nephologischen Transaktionen den Karlsruher Wolkenatlas als Referenzwerk zu Rate zu ziehen.

Wenn die Epischen auf Level 8 sind

 

Wie bitte? Wie kann der Junge so reden? Und sein Freund nickt, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Klar, Computerspiel-Jargon: World of Warcraft, wie sich später herausstellte. Aber die Souveränität. Wie er das Wort benutzte. Eins, um das man noch als Student einen ängstlichen Bogen gemacht hatte. Wenn überhaupt, dann mit größter Ehrfurcht ausgesprochen. Sowas gehörte heute zum Wortschatz eines Zehnjährigen. Im Englischen, okay, da kann alles epic sein, von der Pizza bis zum Torschuss. Geil eben. Aber das wussten die Jungs doch nicht. Für die waren die Epischen sowas wie Komantschen oder Sputnik. Hatte Walter Benjamin am Ende auch hier recht, wenn er sagte, die lebensgeschichtliche Aufgabe der Kindheit bestehe darin, die technischen Neuerungen in den Mythenschatz zu integrieren? 

Besitzer haftet für Internet-Kühlschrank

 

Der Fall des internetfähigen Kühlschranks mit küchenspezifischem Dienst-Programme wurde neu aufgerollt. Wie berichtet, hatten Unbekannte das Programm gehackt, so dass über die automatische Bestellfunktion bei einer Delikatessenhandlung leicht verderbliche Lebensmittel im Wert von mehreren Tausend Euro geordert worden waren. Da der Kühlschrankbesitzer dem Lieferanten als Kunde bekannt war, hatte dieser die Ware beim Nachbarn abgegeben. Das war gängige Praxis, wenn der Kühlschrankbesitzer nicht anzutreffen war. Als dieser von einem Kurzurlaub nach Hause zurückkehrte, war die Ware verdorben, so dass der Händler sich nicht in der Lage sah, sie zurückzunehmen.

Das Landgericht hatte dem Kühlschrankbesitzer in seiner Klage gegen den Gerätehersteller Recht gegeben und diesen dazu verurteilt, für den entstandenen Schaden aufzukommen. Für den Missbrauch infolge einer Sicherheitslücke im Dienst-Programme sei allein der Gerätehersteller verantwortlich. Dieser legte gegen das Urteil Berufung ein, der nun vom Oberlandesgericht stattgegeben wurde.

Die Richter sprachen den Gerätehersteller frei und folgten dessen Argumentation in vollem Umfang: Es liege kein schuldhaftes Verhalten von Seiten des Herstellers vor, denn der Hacker habe erhebliche kriminelle Energie aufbringen müssen, um die eingesetzte Software zu manipulieren. Außerdem sei der Kühlschrankbesitzer durch eigene Fahrlässigkeit zu Schaden gekommen, indem er den Lieferanten ermächtigt habe, bestellte Ware beim Nachbarn zu hinterlegen. Der Anwalt des Klägers kündigte direkt nach der Verhandlung an, den Fall wegen seiner grundsätzlichen Bedeutung vor den Bundesgerichtshof zu bringen.